Berufsorchester in Deutschland: Hohe Qualität hat ihren Preis

Große gesellschaftliche Wertschätzung

Die Anzahl und Vielfalt der Berufsorchester in Deutschland ist weltweit einzigartig. Zwischen Innovationsfreude und Traditionspflege entwickeln Orchester ihre exzellente Klangkultur seit über 500 Jahren beständig weiter. In letzter Zeit ist immer öfter von der Trendwende Klassik die Rede. Dafür gibt es gute Gründe: Konzerte und klassische Live-Musik in Konzerthäusern, Theatern oder auf Musikfestivals haben vierzig Prozent mehr Besucher als die 1. Bundesliga im Fußballstadion. Neugebaute Konzertsäle wie in Hamburg, Bochum oder Dresden sorgen für Aufsehen und sind regelmäßig ausverkauft. Eine Verjüngung des Publikums ist ebenso zu beobachten wie vielerorts steigende Abonnentenzahlen. Überfällige Sanierungen von Theatern, Konzertsälen oder Opernhäusern werden angegangen, weitere Neubauten geplant.

Mit innovativen Konzertformen und Aufführungen an ungewöhnlichen Orten erreichen Orchester neue Zuhörer. Aktuelle gesellschaftliche Debatten zu Migration, Inklusion und Vielfalt gestalten Orchester auf ihre Weise mit künstlerischen Mitteln. Ihr Engagement trug maßgeblich dazu bei, dass die Bundesregierung und die Kulturminister der Länder die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit nominiert hat.

  • Unterfinanzierung des Kulturbereichs und Stellenabbau bei Orchestern

Diese enorme gesellschaftliche Wertschätzung steht im krassen Widerspruch dazu, dass mit Ausnahme der Spitzenklangkörper viele öffentlich geförderte Orchester finanziell notleidend sind. Die Zahl der Orchester ist immer weiter gesunken, von 168 im Jahr 1992 auf aktuell 129.

Diese schwierige Situation entstand, weil die öffentliche Förderung nicht immer auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit basiert: Weil Orchester besonders personalintensiv sind, entstehen überproportional hohe Personalkosten. So entsteht höherer Investitionsbedarf als in anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge. Diese strukturelle Kernursache für die Budgetprobleme vieler Orchester ist seit den 1930er Jahren bekannt. Verschärft wird die Situation durch den erforderlichen Ausgleich der jährlichen Gehaltssteigerungen.

  • Folgen sind Bezahlung unter Flächentarif und Notlagen-Tarifverträge

Entstehende Tariflücken sind also systembedingt. „Wenn eine Kommune oder ein Bundesland sich ein Orchester leisten, dann müssen sie dieses Orchester auch gut behandeln. Und es gehört sich dann, auch anständige Löhne und Tarife zu zahlen", sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Die Folgen verfehlter kulturpolitischer Weichenstellungen tragen jedoch die Orchestermitglieder. Um ihre Arbeitsplätze zu erhalten, haben viele mitunter seit Jahrzehnten auf Teile ihres Gehalts verzichtet.

Musikerinnen und Musiker in 39 Klangkörpern erhalten Vergütungen unter dem Flächentarifvertrag oder werden sogar nach Notlagen-Tarifverträgen bezahlt. Diese liegen bis zu 30 Prozent unter den Flächenvergütungen. Das ist kaum mehr als der gesetzliche Mindestlohn. Allein 27 Orchester sind in Ostdeutschland und Berlin davon betroffen.

  • Nachhaltige Lösungen durch vorausschauende Förderpolitik

Die DOV will das Bewusstsein stärken, dass professionelle Kultur für eine Gesellschaft lebensnotwendig ist. Bei manchen Politikern ist das aber keine Selbstverständlichkeit. Die Unterfinanzierung vieler Bereiche der Kultur kann nur dann schrittweise abgebaut werden, wenn auch das Engagement der Künstler gesellschaftlich wertgeschätzt wird.

Die deutsche Wirtschaft wuchs 2017 das achte Jahr in Folge. Deshalb sind die öffentlichen Kassen so gut gefüllt wie seit Jahrzehnten nicht. Die öffentlichen Haushalte waren zum vierten Mal in Folge im Plus. Bei den Ländern und Kommunen fiel der Überschuss sogar noch höher aus als beim Bund. Kommunen und Länder sind die wesentlichen Geldgeber der meisten Orchester. Landes- und Kommunalpolitiker haben jetzt die notwendigen Spielräume, um mehr für ihre Kultur und für ihre Orchester zu tun.

Unsere Forderungen

  1. Finanzielle Stärkung des gesamten Kulturbereichs
    Kultur hilft maßgeblich beim Abbau wachsender gesellschaftlicher Widersprüche, denn kulturelle Identität hält eine Gesellschaft zusammen. Deshalb ist die finanzielle Stärkung des gesamten Kulturbereichs – auch im ländlichen Raum – notwendig.
     
  2. Nachhaltige und auskömmliche Finanzierung der Orchester und Theater
    Orchester und Theater gehören zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie müssen konjunkturunabhängig und nachhaltig finanziert sein.
     
  3. Angemessene Vergütungen und Tarifvorsorge sichern
    Damit Orchestermitglieder fair bezahlt werden, müssen Notlagen-Tarifverträge und Vergütungen unterhalb der Flächenvergütung schrittweise abgebaut werden. Die bestehende Gerechtigkeitslücke zu anderen Bereichen öffentlicher Daseinsvorsorge muss geschlossen werden. Vergütungen professioneller Orchestermitglieder müssen sich flächendeckend an der Lohnentwicklung des öffentlichen Diensts orientieren. Öffentliche Zuwendungs- und Finanzierungsverträge müssen eine auskömmliche Tarifvorsorge enthalten.
     
  4. Verantwortung des Bundes stärken
    Mit dem Programm Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland fördert der Bund innovative Projekte von 31 Klangkörpern. Er beteiligt sich auch an der Finanzierung der Berliner Philharmoniker und erhöht die Zuwendung für die Stiftung Oper in Berlin. Solche Impulse sollten langfristig verstetigt und weiter ausgebaut werden.
     
  5. Erhalt der Finanzierungsbasis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und seiner Klangkörper
    Wenn sich der öffentliche Rundfunk – wie gefordert – künftig mehr auf seine Kernaufgaben konzentrieren sollte, kommt den Rundfunkorchestern und -chören eine Schlüsselposition zu. Mit ihren Projekten zur Musikvermittlung oder der Erprobung neuer Aufführungsformen erfüllen sie den Kultur- und Bildungsauftrag auf vorbildliche Weise.

Frankfurt am Main, 13.04.2018

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