Aus den Orchestern

Neben dem regulären Spielbetrieb engagieren sich viele Orchester für spannden Projekte. So erschließen sie neue Publikumsschichten, engagieren sich für gute Zwecke oder setzen ein Zeichen in ihrer Region. Auf manche sind sie auch besonders stolz. In loser Reihenfolge präsentieren wir hier eine Auswahl, die andere motivieren und zum Nachmachen anregen soll.

 

Nähe trotz Abstand: Rekordsteigerung der Abozahlen
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ludwigshafen

21.12.2021 – Wir haben in den vergangenen Monaten mit wirklich großer Flexibilität daran gearbeitet, unser Publikum zu halten und gar zu entwickeln. Abstandhalten war und ist ein wichtiges Gebot der vergangenen fast zwei Jahre. Dennoch haben wir in dieser Krise sehr bewusst auf Nähe gesetzt.

Es ist uns gelungen, die Musik trotz widriger Umstände zu den Menschen zu bringen. Selbst während der Phasen des totalen Lockdowns ließen wir den Kontakt zum Publikum nicht abreißen. Wir haben unzählige Briefe geschrieben, zwei Podcastreihen ins Leben gerufen, Konzerte gestreamt, eine musikalische Andacht initiiert und ein digitales Klassenzimmer auf die Beine gestellt.

Musik-Medizin aus Ludwigshafen

Musik-Medizin aus Ludwigshafen   © DSRP

Wir sind glücklich, dass unsere Stammgäste das Engagement mit ihrer Treue belohnt haben. Dass wir zusätzlich so viele neue Menschen langfristig für unsere Konzerte gewonnen haben, ist ein extrem positives Signal. Da wir wegen der schwierigen Planungslage für die Saison 2021/22 auf die aufwendige Erstellung einer Saisonbroschüre verzichtet haben, sind wir kurzerhand in den direkten Kontakt mit den Menschen getreten.

Dazu waren wir zwei Wochen lang auf verschiedenen Wochenmärkten unterwegs. Die Verbindung der direkten Ansprache mit unserem Musik-Medikament Duromoll Klangkomplex forte hat viel Aufmerksamkeit erzeugt. Überraschende Aktionen wie diese haben dazu geführt, dass wir unsere Abozahlen um 51 Prozent steigern konnten.

Vor allem aber glaube ich, dass Menschen eine große Sehnsucht nach Kultur haben. Innovative Ideen, etwa die Beschäftigung mit dem Thema Musik und Gesundheit oder Livestreams mit neuester 360 Grad-Kameratechnik, und die intensive Kontaktpflege mit unserem Publikum scheinen jedenfalls Anklang zu finden.

Weiterhin ist Begeisterung für mich der Kern. Wir haben alle gelernt, wie unersetzbar Live-Konzerte sind. Aber gleichzeitig auch, wie viele Wege es gibt, um Musik zu den Menschen zu bringen. Wir wollen weiterhin innovativ und flexibel bleiben, und alle gemeinsam möglichst viele Menschen berühren.

Beat Fehlmann, Intendant der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen

 

Nachhaltigkeit: Entwicklung eines Klimaschutzkonzepts
Nationaltheater Mannheim

DOVmagazin 1/22 – Im Nationaltheater Mannheim hat sich in der letzten Saison eine Klima-AG zusammengefunden, in der rund 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein ganzheitliches, strategisches Klimaschutzkonzept für das Haus entwickeln. Angestoßen wurde ihr Engagement von Orchestermitglied Detlef Grooß, nachdem er eine Fortbildung zum Transformationsmanager Nachhaltig Kultur (IHK Köln) absolviert hatte. Grooß ist auch Mitgründer und Vorstand von Orchester des Wandels, der Klimaschutzinitiative der deutschen Berufsorchester.

Fassadenbegrünung am Nationaltheater Mannheim

Das Nationaltheater Mannheim geht bei der Klimafolgenanpassung mit gutem Beispiel voran: Fassadenbegrünung am Werkhaus   © Detlef Grooß

Nachhaltigkeit an einem Fünfspartenhaus ist eine große Herausforderung, aber durch die engagierte Unterstützung von Hausleitung, Haustechnik, Personalrat, vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie der Klimaschutzagentur der Stadt Mannheim ist das Projekt vielversprechend gestartet. Nach der Bestandsaufnahme werden Maßnahmen zur Reduzierung des Stromverbrauchs und erste Schritte zu einem Pilotprojekt Nachhaltige Produktion geplant sowie der Bau einer Photovoltaikanlage auf den Werk- und Verwaltungsgebäuden.

Langfristig geplant sind klimaneutraler Transport, die vollständige Umrüstung der Beleuchtung auf LED, Aktionen zur Mitarbeiter- und Zuschauermobilität, klimafreundliches Catering, usw. Für die Vermittlung des Themas Klimaschutz wird sich auch das Festival Mannheimer Sommer im Juni 2022 künstlerisch mit den Themen Nachhaltigkeit und Zukunft auseinandersetzen.

Detlef Grooß, Transformationsmanager Nachhaltig Kultur am Nationaltheater Mannheim

 

Mehr Chancengerechtigkeit im Theaterbetrieb
Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken

DOVmagazin 6/21 – Im Jahr 2015 wurde das Gleichstellungsgesetz im Saarland auf alle Gesellschaften in Trägerschaft des Landes ausgeweitet. So wurde auch das Staatstheater zur Einrichtung einer Gleichstellungsstelle verpflichtet. Das Ziel ist, alle Prozesse und Abläufe innerhalb der jeweiligen Kultureinrichtung unter den Blickwinkel der Geschlechtergerechtigkeit und damit frei von Diskriminierung zu stellen.

Schild Gleichstellungsbeauftragte

© iStock / Pusteflower

Seit der Einrichtung einer solchen Stelle gibt es für das Orchester und alle anderen Mitarbeitenden im Theater eine Ansprechperson, die zugleich ein Ohr für die Kollegenschaft und ein Sprachrohr in Richtung der Entscheidungstragenden ist. Studien des Deutschen Kulturrats und des Deutschen Musikrats spiegeln in handfesten Zahlen, dass Frauen vor allem in Führungspositionen und Entscheidungsgremien noch immer stark unterrepräsentiert sind. Es verbessert unser aller Arbeitsalltag, die Gründe zu erheben und transparent zu bearbeiten. Auch geben rund ein Drittel unserer Kolleginnen und Kollegen an, Diskriminierung im Arbeitskontext erfahren zu haben. Durch unsere zumeist sehr eng getakteten Produktionen, und den ausschließlichen Fokus auf das künstlerische Ergebnis bleibt zu wenig bis gar keine Zeit für die Formulierung von Bedürfnissen, die Reflexion im Team und die Aufarbeitung von Konflikten.

Unser Nachbarland Frankreich hat eine selbstverpflichtende Charta für die Gleichstellung in Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden entwickelt. Dort sind Maßnahmen für die gezielte Erhebung der aktuellen Situation sowie für die Behebung von Schieflagen festgelegt. Bereits an der Schnittstelle zwischen Hochschulen und Berufseinstieg sollten wir in einen fruchtbaren Austausch zwischen allen Akteurinnen und Akteuren gehen, um unseren Beruf für alle zukunftsfähig und attraktiv zu halten.

Christine Christianus, Frauenbeauftragte am Saarländischen Staatstheater

 

Modellprojekt: vorsichtige Schritte zum  normalen Konzertbetrieb
Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz

DOVmagazin 5/21 – Gerade kleinere Orchester wie die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz, die nicht einmal ein eigenes Konzerthaus haben, sind von den Einschränkungen im Zuge der Pandemie besonders betroffen. Denn die erforderlichen Abstände zwischen den Musikerinnen und Musikern haben mehr Platzbedarf zur Folge. Damit schränkt sich das Repertoire ein, sodass ein Sinfonieorchester eigentlich nur noch in Kammerorchesterformationen auftreten kann. Diese Problematik hat die Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz Insa Pijanka bewogen, den Fokus auf eine Verbesserung der Situation auf der Bühne zu richten anstatt aufs Auditorium.

Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz

Die Mitglieder der Südwestdeutschen Philharmonie   © Patrick Pfeiffer

Als vom Landkreis Konstanz ein Aufruf an die Kultureinrichtungen kam, sich bei einem Modellprojekt zu bewerben, reichte Pijanka ihre Idee ein: die Möglichkeit, als Orchester ohne Abstände zu proben und zu spielen, wie es die Partituren großer sinfonischer Werke vorsehen.
Grundlage für dieses durchaus ungewöhnliche, nicht gänzlich risikofreie Projekt war vor allem ein Hygiene- und Testkonzept, das die Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros Carolin Bergmann erstellte. Das schlanke und übersichtliche Konzept überzeugte das Gesundheitsamt vor allem durch Praktikabilität und flexible Anpassung an sich ändernde Verordnungen.

Insbesondere das Testkonzept setzt auf die Eigenverantwortung aller Beteiligten und macht klar, dass in Konstanz alle an einem Strang ziehen. Vom Gesundheitsamt über Intendanz und Verwaltung der Philharmonie bis hin zu allen Gremien (Personalrat, Orchestervorstand, DOV-Delegierte) und Orchestermitgliedern sind sich alle einig, dass der Spielbetrieb mit größtmöglicher Verantwortung wieder aufgenommen werden und planbar sein soll. Das Projekt ist bis 31. Dezember 2021 genehmigt und wird von der Universität Konstanz evaluiert.

Karoline Renner, Delegierte der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz